Sony schlägt Apple beim grossen Kopfhörer

Der neue Sony WH-1000XM5 Over-Ear-Kopfhörer kostet 449 Franken und überzeugt im ersten Test mit Top-Qualität in allen Bereichen. Er hat nur noch bei der Bedienung Schwächen.

TextLorenz Keller


Die Konkurrenz im Kopfhörer-Markt ist hart, vor allem seit auch Apple mit den Airpods Max eingestiegen ist. Sony hat darum seinen Bestseller erneuert. Der WH-1000XM5 ist in fast allen Bereichen verbessert. Sony schlägt Apple beim grossen Kopfhörer.

Neues Design ist schöner, aber weniger praktisch

Im Vergleich zu den Vorgängern hat Sony den WH-1000XM5 komplett erneuert. Geblieben sind der komplizierte Name und das gesamthaft zurückhaltende Design. Egal, ob man den Kopfhörer in Schwarz oder Beige-Grau bestellt, er wird nicht gross auffallen.

In den Details ist aber alles anders. Der Bügel ist durchgängig bis auf die Seiten gepolstert, es gibt keine Unterbrüche mehr. Das Design ist viel cleaner als vorher, der Tragekomfort bleibt dabei ausgezeichnet. Bequemer auf dem Kopf und auf den Ohren ist momentan kein anderes Modell.

Zudem lässt sich der Bügel recht stark vergrössern, so dass der Hörer auch auf grosse Köpfe gut passt und dabei nicht zu stark an die Seiten drückt.

Einen Nachteil haben die optisch sehr gelungenen Designänderungen aber: Der Kopfhörer lässt sich nicht mehr falten wie beim Vorgänger, so dass das Case nun deutlich grösser ist, auch wenn man es im leeren Zustand etwas zusammenquetschen kann.

Allerdings liegt Sony damit ganz im Trend. Auch bei der Konkurrenz wird ein gewisser Alltagsnutzen dem Design geopfert. Aber ganz ehrlich: So schlimm ist das nicht. Gerade wer das Case sowieso nicht regelmässig nutzt, wird kaum einen Unterschied feststellen. Zudem wirkt der WH-1000XM5 mit weniger Gelenken und beweglichen Teilen auch stabiler.

Sound besser, Noise Cancelling auch

Aber nicht nur optisch gibts Unterschiede zu den Vorgängern. Auch klanglich hat Sony im Test gut hörbare Fortschritte gemacht. Der Sound wirkt satt und direkt. Egal ob feine Klänge, laute Bässe oder auch einfach Podcasts – der WH-1000XM5 macht einfach Spass.

Zudem kann man den Ton seinen eigenen Bedürfnissen anpassen. In der App lässt sich der Sony mit wenigen Klicks individuell konfigurieren. Das gilt auch für die vielen Zusatzfunktionen, die sich ein- und ausschalten lassen.

Das wichtigste Extra ist sicher das Noise Cancelling. Im Vergleich zum Vorgänger werden Geräusche noch besser herausgefiltert. Man ist auf Knopfdruck total weg von dieser Welt und in seinem ganz eigenen Sound-Kokon.

Den grössten Unterschied bemerkt man, wenn man keine Musik hört, sondern nur störende Geräusche herausfiltern will. Bei den Vorgängern war hier noch ein leises, künstliches Rauschen zu hören. Das ist nun weg.

Was vor allem bei den XM3, aber auch den XM4 kritisiert wurde: Sie taugten nicht so wirklich für Videocalls oder Telefongespräche. Nun ist die Tonqualität bei Anrufen richtig gut. Man wird erstklassig verstanden, auch wenn man natürlich immer noch etwas weiter weg klingt, als wenn man wirklich ein Mikrofon in Mundnähe hätte.

Übrigens kann man Kopfhörern wie den WH-1000XM5 mit Klinken-Anschluss auch zum einem Topgerät für Video- und Audiocalls aufrüsten. Nämlich mit einem Einsteck-Mikrofon wie dem V-Moda BoomPro, das man für knapp 40 Franken im Handel kriegt. Im Video am Anfang dieses Artikels ist es auch zu sehen. So hat man Top-Sound auf den Ohren und ein erstklassiges Mikrofon direkt vor dem Mund.

Kleiner App-Crashkurs lohnt sich

Der neue Sony-Kopfhörer lässt sich mit iPhone und Android-Geräten gleichermassen nutzen. Es lohnt sich auf jeden Fall, ihn nicht einfach nur per Bluetooth zu verbinden, was man könnte. Sondern auch die Kopfhörer-App von Sony herunterzuladen.

Hier findet man nicht nur den Equalizer und voreingestellte Sound-Färbungen, sondern auch viele weitere Einstellungen und zusätzliche Features. So kann man etwa beim Ambiente-Modus selber festlegen, wie stark diese zu hören sind. Und ob speziell auf Stimmen fokussiert werden soll und andere Geräusche eher ausgeblendet werden.

Nutzbar ist auch «Speak-To-Chat». In diesem Modus stoppt die Musik automatisch und der Kopfhörer wechselt in den Ambiente-Modus, sobald man ein Wort sagt. Nach einer gewissen Zeit ohne Sprache schaltet sich der Sound wieder ein. Das funktioniert gut und ist praktisch, wenn man kurz etwas mit jemandem Konversation betreibt, aber die Kopfhörer nicht abnehmen will.

Übrigens: Würde man das machen und die WH-1000XM5 etwa um den Hals legen oder ganz ausziehen, stoppt die Wiedergabe ebenfalls automatisch. Im Test hat das sehr gut funktioniert.

Weitere Einstellmöglichkeiten: Man kann die Ohrform auf 360-Reality-Audio einstellen für Rundum-Sound. Der Kopfhörer lässt sich mit zwei Geräten gleichzeitig verbinden und schaltet automatisch dorthin, wo Sound läuft oder ein Anruf eingeht. Zudem lassen sich Klick-Befehle einstellen.

Akku stark, Bedienung weniger

Man kann in der App auch das Touchfeld auf den Ohrmuscheln ausschalten. Ja, weiterhin wird der Kopfhörer mit Tippen und Wischen auf der Aussenseite gesteuert. Und das funktioniert zwar besser als bei den Vorgängern, aber immer noch nicht wirklich gut.

So ist es zwar im Test nicht passiert, dass man aus Versehen die Touch-Kontrolle auslöst. Aber: Immer wieder kam es vor, dass man die Lautstärke aufdrehen wollte und stattdessen zum nächsten Titel gesprungen ist.

Was weiterhin erstklassig ist: Der Sony läuft 30 Stunden ohne Nachladen. Und das mit eingeschaltetem Noise Cancelling. Ohne sind es fast 40 Stunden. Da ist eher immer das Problem, dass man ganz vergisst, dass man den Kopfhörer ja trotzdem irgendwann mal laden muss. Immerhin kann man sich mit einem Klick den Akkustand vorlesen lassen.

Ist der Sony besser als die Airpods Max von Apple?

Bei vielen Testern gelten die Airpods Max als Referenz in diesem Segment. Dieses Urteil muss man nun vielleicht revidieren. Denn die WH-1000XM5 haben in wichtigen Bereichen mindestens aufgeholt.

So ist die Geräuschunterdrückung unterwegs ähnlich effektiv. Und da man ohne Musik kein leises Rauschen mehr hört, hat Sony auch da zu den Airpods Max aufgeschlossen. Einzig beim Ambiente-Modus schafft es Apple, noch ein etwas natürlicheres Klangbild der Aussenwelt mit den Mikrofonen aufzuzeichnen und auf die Kopfhörer zu bringen.

Der Sony hat dafür andere Vorteile: Er ist deutlich leichter und bequemer – und bietet trotzdem deutlich mehr Akkulaufzeit. Die Airpods Max, die auch in bunten Farben erhältlich sind, sehen auffälliger aus, wirken aber nicht mehr deutlich edler und eleganter. Sony setzt hier halt voll auf Understatement.

Der grösste Unterschied ist aber das Konzept: Apple legt fest, wie der Kopfhörer zu tönen hat. Und das ist ein eher neutraler und ausgewogener Klang. Die neuen Sony-Over-Ear dagegen lassen sich dem eigenen Geschmack anpassen. Sie sind vielseitiger und bieten viel mehr individuelle Optionen und zusätzliche Features.

Preislich ist der WH-1000XM5 auf dem Papier zudem deutlich günstiger. Er kostet 449 Franken – die Airpods Max bei Apple 599 Franken. Allerdings findet man sie im Handel inzwischen auch bei 470 Franken. Da ist der Unterschied momentan nicht gross, aber natürlich dürfte auch der Preis der Sony sinken, sobald sie Ende Mai dann auf den Markt kommen.

Sony schlägt Apple beim grossen Kopfhörer

Insgesamt ist die Sony-Neuheit der bessere Deal – für Android-User sowieso, aber auch für iPhone-Fans, die nicht primär beim Design Individualität wünschen.

Toll ist, dass Sony fast alle Schwächen der Vorgänger ausgemerzt hat und der WH-1000XM5 ein rundes Gesamtpaket ist, das nur noch bei der Bedienung Verbesserungspotenzial hat. Sound, Geräuschunterdrückung, Verarbeitung, Features-Vielfalt – alles sehr überzeugend.

Und vielleicht springt Sony ja dann mal noch über seinen Schatten und gibt dem Kopfhörer einen vernünftigen Namen. Beim kürzlich lancierten In-Ear-Modell LinkBuds (hier gibts die Review) hat das ja auch funktioniert.