Dafür taugen die Airtags – und wo sie versagen

Seit einigen Wochen haben wir die Airtags von Apple im Einsatz. Und kennen die kleinen Tracker ziemlich gut. Wir sagen, wofür man sie nutzen kann, wo sie nicht so überzeugen – und was geht, obwohl Apple das gar nicht vorgesehen hat.

TextLorenz Keller


Zum Start wichtig zu wissen: Apple hat die Airtags grundsätzlich dafür konzipiert, verlorene Gegenstände wiederzufinden. Alle weiteren denkbaren Einsatzmöglichkeiten werden vom Hersteller nicht beworben und nicht empfohlen. Aber die Reaktion auf die Tracker zeigen, dass sofort ganz viele Ideen aufkommen, wofür man sie noch nutzen kann. Darum haben wir ausführlich getestet und sagen: Dafür taugen die Airtags – und wo sie versagen.

In der Wohnung verlegtes Portemonnaie finden?

Zumindest dem Digitalredaktor, der hier diese Zeilen schreibt, passiert es immer wieder, dass er sein Portemonnaie irgendwo hinlegt. Und dann nachher sucht: Liegt es auf dem Pult, auf dem Tresen, in der in der Tasche oder im Rucksack – oder gar noch im Seitenfach des Autos?

Manchmal löste das bisher durchaus etwas hektisches Suchen aus. Nun ist das anders, da im Münzfach ein Airtag steckt. Der hat dort recht gut Platz, ohne das Portemonnaie allzu sehr zu verdicken. In der «Wo ist?»-App kann man nun mit einem Klick ein Piepsen auslösen. Das funktioniert in der ganzen Wohnung. Und piepst es nicht, ist der Geldbeutel wohl im Auto.

Das funktioniert natürlich auch mit den Autoschlüsseln oder anderen Gegenständen, die man zu Hause verlegt. Und das Piepsen ist genug deutlich, dass man das Gesuchte problemlos wiederfindet.

Allerdings: Apple selber bewirbt viel stärker das sozusagen «optische Suchen». Denn der U1-Chip im Airtag kann mit dem iPhone eine direkte Verbindung aufbauen und einem so mit Pfeilen und Meterangaben zum gesuchten Gegenstand lotsen. Leider funktioniert das nur gut, wenn man schon ein paar Meter weg steht – schon fast in Sichtweite.

In der Wohnung etwa irrt man meistens mit dem Handy umher, bis Kontakt aufgebaut ist. Sozusagen wie mit einer Wünschelrute. Im Alltag ist der Piepton viel praktischer, ausser etwa wenn man niemanden wecken will – oder wenn man sehr spezifisch auf engem Raum sucht. Etwa in welcher von fünf Taschen ein Schlüssel ist.

Die Suche in der Nähe funktioniert also mit dem Piepsen sehr gut. Die optischen Anweisungen bringen nur etwas, wenn man sich schon ein paar Meter weg vom Gegenstand befindet. In diesem Bereich haben wir uns aufgrund der Anpreisung mehr von Apple erwartet.

Beim Spaziergang verlorener Schlüssel aufspüren?

Hier hilft die Tatsache, dass weltweit über eine Milliarde Apple-Geräte in Benutzung sind. Standardmässig nutzen die meisten den «Wo ist?»-Dienst, über den man ja auch sein iPhone oder iPad wiederfinden kann. Oder im Fall eines Diebstahls aus der Ferne sperren.

Nehmen wir also an, ein Schlüssel mit Airtag ist aus der Tasche gefallen und liegt neben dem Spazierweg im hohen Gras. Einerseits ist über das «Wo ist?»-Netzwerk der letzte Standort des Airtags gespeichert. Andererseits reicht ein anderer Spaziergänger mit iPhone, um einen aktualisierten Standort zu erhalten.

Wer seinen Airtag in den Status «Verloren» gesetzt hat, erhält in diesem Fall sogar eine Benachrichtigung. Dank des U1-Chips wird man den Schlüssel auch im hohen Gras präzis lokalisieren können. Denn über die Karte lässt man sich auf wenige Meter genau hinführen. Danach kann man den Airtag piepsen lassen oder erhält auf dem iPhone-Display mit Pfeilen und Distanzangaben genug Anhaltspunkte, um den Gegenstand zentimetergenau aufzufinden.

Sobald ein Airtag einmal lokalisiert wurde, ist die Suche kein Problem mehr. Gerade im städtischen Raum und überall dort, wo regelmässig Leute vorbeikommen, ist das kein Problem. Die iPhone-Dichte ist gerade in der Schweiz genug gross, sodass statistisch mindestens die Hälfte der Passanten den Standort eines Tags weitergeben.

Allerdings: In unwegsamen Gelände oder auf dem Land braucht es mehr Glück. An der Landstrasse etwa, wo nur Autos vorbeidüsen, wird man vergeblich auf ein Signal warten.

Insgesamt aber sind die Airtags ein toller Rettungsanker für verlorene Gegenstände. Ideal für alle, die gerne mal etwas verlieren oder liegen lassen – vom Schlüssel über Taschen und Rucksäcke bis zu Portemonnaies oder Brillenetuis.

Den gestohlenen Rucksack verfolgen?

Die Idee ist natürlich naheliegend. Ich befestige einen Airtag am Rucksack, schon ist er gegen Diebstahl geschützt. Das funktioniert leider so nicht – aus verschiedenen Gründen. Der Apple-Tracker ist selber gar nicht geschützt. Jeder kann ihn aufschrauben, die Batterie rausnehmen und so ausser Gefecht setzen. Oder der Dieb wirft ihn einfach weg.

Wenn, dann muss man ihn gut im Rucksack verstecken und hoffen, dass der Gauner selber kein iPhone hat. Denn sonst könnte es gut sein, dass ihm der fremde Airtag angezeigt wird, wenn er sich mit dem Rucksack bewegt. Das sollte jedenfalls so sein, damit man niemanden stalken kann.

Bewegung ist auch sonst nicht gut für den Diebstahlschutz. Denn der Airtag übermittelt jeweils nur den aktuellen Standort – und das oft mit einiger Verzögerung. Bewegt sich also ein Dieb mit dem Rucksack weg, kann man ihn nicht in Echtzeit tracken. Man weiss höchstens, dass er zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort war.

Der Airtag verhindert sicher keinen Diebstahl. Wer ihn präventiv und gut sichtbar aussen an die Tasche oder den Rucksack hängt, erweckt gar den Eindruck, es sei etwas Wertvolles zu holen.

Die Airtags sind kein adäquater Diebstahlschutz und sollten auch nicht als Dekorationselement oder Statussymbol genutzt machen – das wäre kontraproduktiv. Auch wenn das natürlich schon verlockend ist angesichts der vielen schicken Bänder und Anhänger, die es dafür gibt.

Immerhin: Wird ein Gepäckstück gestohlen und nach dem Rausnehmen der Wertgegenstände weggeworfen, dann kann ein gut versteckter Airtag beim Wiederfinden helfen.

Airtag als Diebstahlschutz fürs Velo?

Findige iPhone-User haben sich bereits Airtags unter den Sattel geklebt. Das kann man durchaus machen. Sinn macht es aber nur, wenn man davon ausgeht, dass das Fahrrad nach einem Diebstahl irgendwo abgestellt oder hingeworfen wird.

Die Gründe habe ich oben schon geschildert: Ist das Velo in Bewegung, lässt es sich nicht sinnvoll tracken. Zudem kann der Airtag einfach von jedermann ausgeschaltet werden. Die neuen Apple-Gadgets sind also auf keinen Fall einen Ersatz für den teuren Diebstahl-Schutz mit GPS.

Einzig wenn das Velo etwa in Grossstädten einer Gefahr ausgesetzt ist, für eine Fahrt entwendet und dann irgendwo liegen gelassen zu werden, dann macht ein Airtag Sinn. Oder wenn man sich jeweils nicht mehr so genau erinnert, wo man sein Zweirad abgestellt hat.

Immerhin: Den Airtag selber kann man nicht so einfach stehlen und selber nutzen. Er ist fix auf eine Apple ID registriert und kann nicht einfach zurückgesetzt werden. Jemand Fremdes kann also nichts damit anfangen.

Das Kind auf dem Schulweg tracken?

Keine Angst muss man davon haben, dass Airtags plötzlich lospiepsen, wenn man sie jemandem mitgibt, der noch kein Handy hat. Das würden sie erst nach drei Tagen ohne Kontakt zum «Heim-iPhone».

Tracken kann man das Kind trotzdem nicht richtig, auch wenn man das möchte. Denn auch hier wieder werden keine Wege übermittelt, sondern nur der letzte Standort bei einem Kontakt mit einem Apple-Gerät.

Trotzdem kann dieser Einsatzbereich erstaunlich viel Sinn machen: Im städtischen Umfeld primär, wenn man ab und zu schauen möchte, ob das Kind noch in der Gegend ist. Und zum Beispiel feststellen, auf welchem Spielplatz es gerade unterwegs ist.

Somit kann ein Airtag eine günstige Alternative etwa zu einer Kinder-Smartwatch mit GPS und separater SIM-Karte sein, die dann Live-Standort-Daten übermitteln. Weniger präzise natürlich und nur dort funktional, wo regelmässig Leute vorbeikommen. «Versteckis» kann man damit nicht spielen.

Das grösste Hindernis ist übrigens, dass es kein gescheites Zubehör gibt. Also etwa ein Armband oder eine Halskette für den Airtag.

Das Reisegepäck auf dem Flug verfolgen?

Getestet haben wir es nicht, da wir wegen Corona schlicht und einfach seit einem Jahr nicht mehr mit dem Flieger unterwegs waren. Aber: Seinen Koffer zu verfolgen, sollte erstaunlich gut gehen. Wie schon erwähnt nicht auf Schritt und Tritt, aber immerhin ein allfälliger Standort.

Am Zielflughafen ist der Koffer auf dem falschen Band gelandet? Oder hat die Reise gar nicht angetreten und liegt noch in Zürich auf einem Gepäckwagen? So etwas nervt total, vor allem weil man meist zuerst mühsam herausfinden muss, was überhaupt passiert ist.

Mit einem Airtag sollte man auf einen Blick sehen, ob der Koffer jemals angekommen ist. Sofern jemand mit einem iPhone in der Nähe durchgegangen ist. Die Chance, schneller Gewissheit über den Standort zu haben, ist gar nicht mal so klein.

Übrigens sollte der Tag im Gepäck gar kein Problem sein. Die Knopfbatterie ist erlaubt, und das Low-Energy-Bluetooth-Signal ist ebenfalls ungefährlich im Gepäckraum.

Den Partner auf Schritt und Tritt verfolgen?

Stalking ist strafbar, und ungefragt Familienmitglieder zu tracken, ist auch moralisch total verwerflich. Das weiss auch Apple und hat darum gewisse Sicherheitsvorkehrungen getroffen.

So können Strafverfolgungsbehörden etwa jeden Airtag zum ursprünglichen Besitzer zurückverfolgen, der ihn registriert hat. Zudem macht sich wie erwähnt der Airtag bemerkbar. Nach drei Tagen ohne Kontakt zum Heimgerät fängt er an zu piepsen. iPhone-User sollten noch früher gewarnt werden, wenn sie sich mit einem fremden Airtag bewegen.

Zudem können ja Airtags nicht in Echtzeit verfolgt werden. Man sieht nur jeweils den letzten Kontaktpunkt, auch in Städten dauert es jeweils Minuten oder länger, bis aktualisiert wird.

Aber: Das alles ist kein umfassender Stalking-Schutz. Wer etwa wissen will, wo jemand wohnt, kann das mit einem Airtag herausfinden. Denn bislang gab es auf dem Massenmarkt einfach keine solchen kompakten und guten Tracker. Das wird inzwischen durchaus von Datenschutz-Organisationen kritisiert.

Stalkende Partnerinnen und Partner sind besonders «gefährlich». Denn hier wird der Airtag voraussichtlich sich nie bemerkbar machen. Technisch liesse sich das wohl nur, wenn man die Standortsuche viel ungenauer macht oder etwa nur noch eine Abfrage pro Tag erlaubt.

Apple hat inzwischen auf die Kritik reagiert und zwei Dinge angekündigt. Der Zeitraum, wann sich ein Airtag mit Piepsen meldet, wird von drei Tage auf 8 bis 24 Stunden verkürzt. Dieses Update wird bereits ausgerollt auf die Airtags.

Zusätzlich soll es für Android Nutzer eine spezielle App geben, die es ihnen ermöglicht, fremde Airtags aufzuspüren – aber auch andere Geräte aus dem «Wo ist?»-Netzwerk die mit einem «mitreisen». Diese App noch dieses Jahr erscheinen.

Dafür taugen die Airtags – und wo sie versagen

Wie die Airtags genau funktionieren und unseren ersten Test können Sie hier nachlesen. Die zentralen Aussagen sind auch nach mehreren Wochen im Test dieselben: Insgesamt funktionieren die Apple-Tracker sehr gut, aber man muss sich den Einsatzzweck gut überlegen.

Im Idealfall braucht man den Tracker gar nicht und hat einfach einen schicken Apple-Schlüsselanhänger. Das ist wohl auch das Kalkül: Die Airtags sind mit 35 Franken pro Stück günstig. Das Original-Zubehör verdoppelt dann die Preise jeweils.

Es gibt immerhin auch im Apple Store günstigere Alternativen von Drittherstellern. Im freien Handel sowieso.